Kunst Archiv 2

Kunst und Kultur: das ist kein Randgebiet kirchlicher Aktivitäten und schon gar kein Anhängsel in den vielfältigen gesellschaftlichen wie pastoralen Bemühungen der Kirchen in Deutschland. Es ist vielmehr ein wesentlicher Bereich im Gesamt des kirchlichen Lebens. Deswegen zeigt DOMPLATZ 5 immer wieder ausgewählte Kunstwerke und schafft so Begegnung von Mensch, Kunst und Kirche.

Ruth Lynen (*1945): Wundmale Jesu

Seit vielen Jahren schafft Ruth Lynen eine Kunst, die eine Fülle von geistig-religiös inspirierten Motiven darstellt und die sich ganz ausdrücklich mit Themen der Religion, der Gottsuche sowie der Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens beschäftigt. Zentral dabei ist ihr Anliegen, mit Hilfe der säkularen und religiösen Traditionen der Menschheit eine Spurensuche zu betreiben, die den Betrachter ihrer Werke in eine geistige Auseinandersetzung führen möchte, geführt von Fragen wie: Was und wen suchen Sie? Welcher Spur folgen Sie? Und wer hat Sie auf diese Fährte gesetzt? Oder haben Sie schon alles gefunden?

Mit ihrem Werk "Wundmale Jesu" bezieht sich Lynen auf den sog. 5-Wunden-Rosenkranz, bei dem folgende Inhalte ins Gebet genommen werden (in unserer Installation von rechts nach links zu betrachten):

...der für uns Blut geschwitzt hat,

...der für uns gegeißelt worden ist,

...der für uns mit Dornen gekrönt worden ist,

...der für uns das schwere Kreuz getragen hat,

...der für uns gekreuzigt worden ist.

Wie mahnende Totenbretter konfrontieren uns diese Holztafeln mit den Wunden Jesu, die ihm auf seinem Leidensweg zugefügt wurden. Seine "Wundmale? sind Beglaubigungszeichen: sie beglaubigen sein Menschsein, die Realität seines Todes und die Leiblichkeit seiner Auferstehung.

 

Rupert D. Preißl (1925 ? 2003)

Einen beträchtlichen Teil im Werk des Regensburger Malers Rupert D. Preißl (1925 ? 2003) machen Stadtansichten aus und darin immer wieder auch Bilder von Kathedralen. Regensburg und sein Dom waren ihm in besonderer Weise ans Herz gewachsen.

Das hier präsentierte Bild - man könnte es "Dom über der Stadt" nennen - wurde in den 80er Jahren gemalt und gewährt einen Blick auf die Stadt von Norden aus. Die Gelehrten sagen, diese Perspektive wäre die Schauseite der Regensburger Kathedrale; so zeige sie sich am schönsten.

Mit seinen Stadtansichten gelang Rupert Preißl nicht nur eine Darstellung des Offensicht­lichen, mit seinem expressiven Stil erreichte er ein geistiges Durchdringen. Diese Städte sind lebendige Welten, durchzogen mit Erfahrungen, Vergeblichkeiten und Herausforde­rungen. Für Preißl, zu dessen Lebensgrundlage die "religio", dieses Sich-Festmachen an das Göttliche zählte, gehörten die Kirchen und Kathedralen wie selbstverständlich zum städtischen Leben. Stadt und Dom, Dom und Stadt ? sie brauchen einander. Und wie sich in der Architektur der Kathedrale eine fortschreitende Gedanklichkeit ausdrückt, so auch in der Gestalt unserer Städte, die immer neu Wirklichkeit erleben lassen.

Kathedrale und Mensch: Die Kathedrale wird vollendet durch menschliches Staunen im Lobpreis Gottes, jeder Mensch aber ist nach christlicher Überzeugung eine Kathedrale, Wohnung Gottes in dieser Welt.

Elisabeth Schmidt-Huber: Installation

Die Künstlerin hat an verschiedenen Orten und Zeiten den Dom fotografiert, um eine Domlandschaft zu installieren. Wichtige "Zeitzeugen" waren dabei die abmontierten Figuren des Pfeilers am Westportal: Johannes (Apostel, Evangelist), Andreas (für Christus mutig in den Tod), Jakobus (Apostel, Evangelist), Jeremias (Prophet). Sie alle werden gegenwärtig in der Dombauhütte renoviert. Als Malerin, die viel mit Ölfarben arbeitet, ist Frau Schmidt-Huber der Bezug zu den Farben des Kirchenjahres sehr wichtig. Sie ist der Überzeugung, dass man die Ausdruckskraft der Farbe nicht unterschätzen darf, ihr Symbolwert spricht auch den heutigen Menschen unmittelbar an.

 

 

 

Irina Slámová (*1956): Jesus ruft Petrus (1990)

Die 1956 in Marienbad geborene tschechische Künstlerin Irina Slámová setzt sich in ihrem Werk oftmals mit religiös-biblischen Themen auseinander. In ihrem 1990 entstandenen Bild "Jesus ruft Petrus" bezieht sie sich auf die Perikope Mt 14, 22?33. Jesus kommt den Jüngern auf dem See entgegen. Da Petrus zu ihm kommen möchte, fordert ihn Jesus auf: Komm! Petrus wagt sich aus dem Boot und geht Jesus entgegen, aber die Heftigkeit des Windes lässt ihn zweifeln. Er geht unter. Jesus verschafft der Szene ein gutes Ende, nicht ohne Petrus seine Kleingläubigkeit vorzuhalten. In seiner Verblüffung legt Petrus ein Christusbekenntnis ab: "Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!"

Der Bildbetrachter sieht Andeutungen: auf einem Leinwandstoff eine große und mächtige Figur mit deutlich ausgestreckten Armen; die Jünger unten wie in einem Netz und Petrus angedeutet mit zwei Punkten; wie Leitern sind die Wellen dargestellt.

Deutlich ist die Stimmung des Sturmes wiedergegeben: unheilvoll und bedrohlich wirkt das Geschehen, mit lilagrauer, schwarzer Farbgebung. Das Ganze wirkt nüchtern und sparsam; Slámovás Werk hinterlässt in der Reduzierung der Formen einen fast asketischen Eindruck.

Wie interpretiert man ein Bild? In dem man einfach von dem ausgeht, was zu sehen ist? Dann ist Vorsicht geboten mit vorschnellen, festlegenden Aussagen. Oder ist es erlaubt, eine Interpretation vom Titel des Bildes her zu beginnen?

Jesus dominiert diese Szene, seine Macht lässt anderes klein und konturenlos vorkommen. Petrus ist nur ein gesichtsloses Etwas und die Jünger wirken im Sog dieses übermächtigen Herrn hilflos; er zieht sie fast wie in einem Netz. Das Einzige, was klar und konturiert wirkt, ist der Christuskopf: eine respektheischende, unerbittlich wirkende Gestalt. Das Bild ist alles andere als harmonisierend und reizt zur Frage: Steht Jesus hier fest und sicher als einziger über der Grundlosigkeit des Daseins? Sind da Menschen buchstäblich am Absaufen und er steht majestätisch darüber und lässt sich nicht beeindrucken? Zieht dieser Jesus in einen Weg, der mit allen Untiefen dieser Welt ausgestattet ist? Der polnische Satiriker Stanislaw Lec (1909?1966) meint einmal:"?Frage den Herrgott nicht nach dem Weg in den Himmel. Er wird dir den schwierigsten zeigen."

Ein alter Vorwurf in der Überlieferungsgeschichte dieser Perikope lautet, der über den See kommende Herr sei ein Gespenst. Daraus resultiert ein leichtfertiges und schnelles Abtun: Glaube braucht Gespenstergeschichten, und diese sind belanglos. Hat das Christentum nichts Gehaltvolleres zu bieten? Man kann dagegenhalten: Der Evangelist erzählt uns eine Glaubens- und Vertrauenssituation, die es der Kunst immer schwer machen wird, eine adäquate Darstellung zu liefern.

Ein Bild für's postmoderne Wohnzimmer?

Erinnern wir uns an Caravaggio?s Berufung des Apostels Matthäus: Der Zöllner wird in erster Linie mit Licht berufen, einem Licht, das keinen Zweifel lässt an der Ernsthaftigkeit der Absichten Jesu. Bei Slámová geschieht die Berufung eines Menschen vor allem mit den Armen und Händen. Auch hier in einer klaren, unwiderstehlichen Deutlichkeit.

Wir sehen ein Berufungsbild. Die Herausforderung des Christentums besteht in der Tatsache, dass der Herr des Glaubens ruft, aber er ruft über den See. Er verlangt, das Unsichtbare zu wagen, das - menschlich gesehen - völlig Widersinnige zu wagen (wie soll Wasser tragen?). Er ruft und erwartet, Sicherheiten zu verlassen und sich in einen gefährlichen Zustand zu begeben. Wer Angst bekommt, wer ihn aus den Augen verliert, hat schon verloren. Wer es im christlichen Glauben ernst meint, muss über den See.

Sehen wir auch ein Bekenntnisbild ? in der Nachfolge des Simon Petrus?

Slámová eröffnet den Blick auf menschliches Dasein: Sich-Aufgehoben-Wissen wird uns hier entgegengehalten als Normalität des Lebens und zugleich als Examen im christlichen Glauben. Bestanden oder nicht bestanden?

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